DER SCHLEIER UM DAS BILDNIS VON LUCA PACIOLI

“ IACO. BAR. VIGENNIS P.1495 ”

SCHRIFTROLLE SIGNATUR UND FLIEGE

Das Gemälde „Bildnis von Luca Pacioli“ wird jetzt in der Pinakothek des Museums Capodimonte in Neapel aufbewahrt. Dem Mangel an Unterlagen, Zeugnissen und historischen Nachweisen ist es wahrscheinlich zuzuschreiben, wenn bis heute der schleierhafte Ursprung ungelöst erscheint. Der abgebildete Mönch und Mathematiker war der Verfasser von "Summa de Arithmetica“ und "De Divina Proportione“.
Die knappen, verfügbaren Unterlagen geben keinen Aufschluss weder über die Zeit der Erstellung, noch über die ursprüngliche Bestimmung des Gemäldes.
Die ersten Meldungen wurden ein Jahrhundert nach der vermutlichen Schaffung des Bildes zusammengestellt. Sie entstammen einer Inventur des Jahres 1631, doch ohne Hinweise auf das Herstellungsdatum und die Anschaffungsweise, ohne Angaben über die Aufstellung und den Erhaltungszustand im Palast des Herzogs von Urbino.
In einem Verzeichnis der Garderobegüter der Familie Della Rovere aufgeführt, erwähnt die Bestandaufnahme nur hypothetische Angaben über den Autor des Bildes. Auch die späteren Unterlagen sind nicht hilfreich, da sie nur die Überführung des Gemäldes, in der Mitte des 17. Jh., von Urbino nach Florenz angeben, von der Dynastie von Urbino durch Vittoria della Rovere-Medici zur florentinischen Herrschaft der De Medici.
Jahrhunderte später tauchen Spuren des Gemäldes in Neapel auf, als Eigentum der Nachkommen der De Medici, dem jüngeren Zweig von Ottaviano. Es gelangte, auf Grund eines staatlichen Vorkaufsrechts bei der Veräußerung von ins Ausland bestimmten Gütern auf seinen gegenwärtigen Platz im Museum.
Wenn die geschichtliche Überlieferung wenig aussagt, so ist die gegenwärtige Zuschreibung ebenfalls sehr allgemein gehalten, nur vermutlich autographisch, nachdem sie auf unsicheren Auslegungen beruht, die den Angaben der anomalen Schriftrolle des Gemäldes entnommen werden.
Die historiographischen und kritischen Ermittlungen haben keine neue Erkenntnis und Fortschritt ergeben, auch nicht nach Widerruf der erstmaligen Hypothesen. Nach anfänglicher Begeisterung für die Nachforschung, zufolge der Anschaffung und Aufstellung im Museum des Königspalastes von Capodimonte, und nach verschiedenen Überprüfungen in bestimmten Abständen, sind keine dokumentarisch entscheidenden Beiträge erzielt worden.
Auf den Ausgang der Forschungen hat das Hindernis der irreleitenden Inschrift „IACO.BAR.VIGENNES. P.1495“ eingewirkt. Eine scheinbar abgekürzte Abzeichnung und unvermeidlich nicht entzifferbare Geheimschrift, die durch Abbildung einer Fliege auf der Schriftrolle noch zweideutiger erscheint.
Seit Beginn hat die Auslegung der unklaren Schriftrolle mit deren Angaben und Abkürzungen die Untersuchungen eingeschränkt und von der Erkenntnis des Autors aus geschichtlichen Gesichtspunkten abgelenkt.
Jedoch auch die Unterlassung einer eingehenden Hermeneutik des Gemäldes, sowie die Bevorzugung der stilmalerischen Analyse haben das Untersuchungsfeld begrenzt und weitere Bereiche der kritischen Bewertung vernachlässigt.
Auf diese Weise hat man sich auf den Zufall bei der Lösung des Rätsels verlassen; auf die reine Möglichkeit einer Archivaufzeichnung, die sich bisher nicht bewahrheitet hat.
Zu dieser Anomalität hat, neben mangelnder Tradition und geschichtlichen Hinweisen, der Umstand der anonymen und verschlossenen Aufbewahrung am Hof von Urbino und den späteren Inhabern beigetragen.
Dem Bildnis ist implizit ein urkundlicher Wert bei der Schätzung des Bildes beigemessen worden, die hauptsächlich auf die historische Sicherheit, anstatt auf den Kunstwert. ausgerichtet war. Sicherlich ein nicht angemessenes Urteil zum Inhalt und dem ästhetischen Wert, die im Gemälde ausgedrückt werden.
Das Werk, erst unbekannt und später im Wesentlichen unverstanden, hat sich wegen seiner wirklichen ästhetischen Eigenschaften und Ausdrucksfähigkeit durchgesetzt, auch ohne den Ruf und das Aufsehen einer bekannten Urheberschaft.

 

VERGRÖßERE UND BETRACHTE

GEOMETRIE UND PROPORTIONEN

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GEGENÜBERSTELLUNG DER SCHRIFTFORMEN

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PROPORTIONEN UND PROPORTIONALITÄT

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GEGENÜBERSTELLUNG DER BILDNISSE

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KRITISCHE GEGENÜBERSTELLUNG

Nick Mackinnon, The Mathematical Gazette, n. 77, 1993, pag. 143

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“Der sich hervorhebende Punkt des Bildes ist der Rhombokuboeder. Und hier erkennen wir eindeutig die erhabe linke Hand von Leonardo da Vinci, der die prächtigen Zeichnungen für „De divina proportione“ schuf, die außerdem in den Originalen von einer Kordel hängen. Pacioli verließ Venedig, im Jahre 1496, um nach Mailand umzusiedeln, wo er zwei Jahre lang mit Leonardo verbrachte, in welchen die Abbildungen für „De divina proportione“ erzeugt wurden. Weiterhin sagt Pacioli in der De divina portione aus, dass eine Sammlung von Polyedern aus Kristall sich in Mailand befände. Der Rhombokuboeder könnte nicht sorgfältiger gemalt werden. Ferner hat der Künstler die Ausführung kompliziert, durch die halbe Füllung mit Wasser und die sich ergebenden Reflexe und Refraktionen darstellend. Demgegenüber ist ein Dodekaeder (einfacher darzustellen) höchstens eine gute Handarbeit.”

Geofroy Tory, “Champ Fleury”, 1529, Le Segond Livre, Feuil XIII

(Abhandlung aus “Kunst und Wissenschaft des echten und richtigen Verhältnisses der attischen Buchstaben, auch antike genannt, und gewöhnlich römische Buchstaben, proportioniert nach dem menschlichen Körper und Gesicht”)

« Frere Lucas Paciol du Bourg sanct sepulchre, de lorde des freres mineurs et Theologien, qui a faict en vulgar Italien vng livre intitule, Divina proportione, & qui a volu figurer le dictes lettres Attiques, nen a point aussi parle, ne baille raison: & ie ne men esbahis point, car iay entendu par aulcuns Italiens quil a desrobe ses dicte lettres, & prinses de feu Messire Leonarde Vince, qui est trespasse a Amboise, & estoit tres excellent Philosophe & admirable painctre, & quasi vng aultre Archimedes. Ce dicte frere Lucas a faict imprimer ses lettres Attiques comme sienne. »

“Bruder Luca Pacioli aus Borgo San Sepolcro, vom Orden der Minoriten und Theologe, der in gewöhnlichem Italienisch ein Buch geschrieben hat mit dem Titel Divina proportione, und der diese attischen Buchstaben darstellen wollte, hat sie nicht beschrieben und keine Erklärungen abgegeben; und ich bin davon in keiner Weise überrascht, denn ich habe von einigen Italienern vernommen, dass er seine besagten Buchstaben dem verstorbenen Herrn Leonardo da Vinci entwendet hat, der in Amboise gestorben ist, der ein sehr hervorragender Philosoph und bewunderungswürdiger Maler war und fast ein anderer Archimedes. Genannter Bruder Luca hat seine Buchstaben als eigene drucken lassen.”


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